Gestatten Melbourne Victoria — geschrieben von anja @ 08:22
Als wir vor mittlerweile fast fuenf Wochen fuer zwei Tage in Melbourne waren um uns Unterkunft und Arbeitsmoeglichkeiten zu sichern, waren wir schon recht von unserem zukuenftigen zu Hause geschockt.
Wir hatten St. Kilda auserkoren um uns Heim und Arbeit zu suchen, obwohl es im Reisefuehrer als Schaebig-Chices Stadtviertel beschrieben war. Hinzu kommt, dass gleich gegenueber von unserem Hostel eine Institution beherbergt ist, die jedem der es braucht gratis Kondome und sauberes Spritzwerkzeug austeilt und weiter links die Strasse runter taeglich die Armenspeisung stattfindet. Die Prostituierten beginnen ihr Tageswerk schon am fruehen Nachmittag und in die dunklen Seitengassen und Hinterhoefe geht man nachts besser nicht rein, wenn einem sein Leben lieb ist. Als wir dann noch vom Rezeptionisten unserer Herberge in beilaeufigem Ton den Rat bekamen, unser Auto besser auszuraeumen („Die brechen sogar wegen ner Schachtel Zigaretten ein") ist uns erst mal das Herz in die Hose gerutscht und wir haben uns noch ein paar mal sagen hoeren: „Wo sind wir bloss hingeraten"!
Nach weiteren zweieinhalb Wochen Rundreise - wie im letzten Artikel berichtet - sind wir dann in Melbourne angekommen. Und sogar Tim hat sich ueber die Zeit hinweg mit der etwas schaebig-chicken Unterkunft angefreundet, obwohl er doch noch ab und zu von anderen Stadtteilen wie South Yarra oder Carlton traeumt. Leider sind aber dort die Mieten utopisch hoch und fuer uns schlichtweg zu teuer. Da hier immer noch Nebensaison ist, konnten wir uns unser Zimmer sogar aussuchen und so fiel die Wahl auf ein hell gestrichenes, von Sonnenschein verwoehntes, kleines Zimmerchen mit einer neuen Matraze und sauberen Teppichboden im 2. Stock. Unser einziger derzeitiger Etagen-Mitbewohner ist ein aelterer Herr, von dem man ausser froehlichem Gepfeife nicht viel sieht und hoert.
Die Zeit heilt alle Wunden und der Mensch ist ein Gewohnheitstier und so fuehlen wir uns mittlerweile richtig wohl hier und haben uns schon ein wenig eingelebt. Das schaebige ist gar nicht so schaebig und chic wollen ja alle sein, dass haben wir in Sydney schon gelernt.
Um ehrlich zu sein geniessen wir unsere kleinen Sonntagsspaziergaenge in der Nachbarschaft und unsere taeglichen Streifzuege im Viertel mit seinem bunten Treiben auf den Strassen schon richtig.
Auch gab es in den ersten Tagen ein volles Programm an Sightseeing, was uns gesellschaftlich und geschichtlich auf den neusten Stand gebracht hat.
So wurde Melbourne als eine der wenigen aelteren australischen Staedte nicht als Strafkolonie gegruendet, sondern hatte einen - sagen wir mal - eher sanften Start. Der Goldrausch in Victoria brachte dann den Bundesstaat und auch die Hauptstadt Melbourne auf die internationale Buehne. Kunst und Kultur sind hier sehr hoch angesiedelt und man ist stolz auf seine vielen Galerien, Museen, Parks und Gaerten, die jedem Interessierten das Herz hoeher schlagen lassen.
Uns interessiert pirmaer das gastronomische Alltagsleben, da wir ja in Sydney und auch allen anderen Staedten Australiens etwas enttaeuscht von den vielen Pubs mit Selbstbedienung, grellem Neonlicht, sehr strengen Ausschank- und Oeffnungszeiten und frittiertem Essen waren. Das alles wird hier entspannter - auch aufgrund anderer Gesetze - aufgenommen und gehandhabt. Allein bei uns im Viertel gibt es mehr Weggeh-Moeglichkeiten, als in ganz Sydney und es wird auch mehr auf Einrichtung und Ambiente geachtet, was uns verwoehnten Muenchenern schon sehr gefaellt.
Ein grosses Thema bei den Melbournern ist die Rivalitaet zu Sydney und es vergehen keine 10 Minuten, das wollen sie gleich wissen, wo es uns besser gefaellt. In den Reisefuehrern steht, dass mit seinen Aeusserungen vorsichtig sein solle, um niemanden zu beleidigen. Bei diesem Punkt muessen wir gar nicht aufpassen, denn fuer uns ist Melbourne ganz klar der Favorit. Es ist selbstgerechter und kann sich besser einschaetzen als Sydney und verspricht nichts, was es nicht halten kann. Im Vergleich ist es eher die alte Dame, die stilvoll und elegant in Erscheinung tritt, gelassen und ruhig, waehrend Sydney ungestuehm und neumodisch im Mittelpunkt stehen will.
Da wir ja leider nicht von Geburt an reich sind, sind wir inzwischen auch schon im melbourner Arbeitsleben angekommen. Mittlerweile haben wir bis zu fuenf verschiedene Jobs (Zimmermaedchen, Discobar, Bistro, Bar, Catering) mit allen Problemchen die so dazugehoeren. Schnell haben wir gemerkt, dass die Sprache immer noch eine Barriere ist, obwohl wir schon seit fast neun Monaten im Lande sind. Die Australier haben einfach fuer alles und jeden ihre eigenen Begriffe und Redensarten, sogar der Espresso ist nicht einfach ein Espresso sondern ein „short black". Es sind keine grossen Unterschiede, aber viele Kleine, die uns am Anfang ziemlich Nerven gekostet haben. Mittlerweile machen wir das schon ganz brav und wenn bei Tim jemand an der Bar einen „Cowboy" (= ein ekelhaft suesser Shortdrink im Stamperl) bestellt oder bei Anja ein Gast einen „ decaf Capp with soy" (= entkoffinierter Cappuchino mit Sojamilch), koennen wir ohne Probleme diese Wuensche erfuellen. Ausserdem gehoert das zum Reisen einfach dazu und wenn´s uns nicht gefallen wuerde, koennten wir ja jederzeit wieder heim!
Nachdem die Loehne hier gerne mal sensationell niedrig sind (es gibt natuerlich auch gut bezahlte Jobs, an die man als Auslaender aber leider nur schwer ran kommt), sammeln wir fleissig Stunden, damit wir uns das Melbourne-Leben auch leisten koennen. Da wir einen Weg gefunden haben, die Steuerzahlungen auf ein Minimum zu beschraenken, verdienen wir sogar etwas mehr als umgerechnet 5.75 Euro, aber trotzdem faellt es manchmal schwer sich fuer so wenig Geld zu motivieren.
Wenn sich zu Hause auch nur einer ueber den Mindestlohn beschwert, wird er umgehend ins Flugzeug nach Down Under gesetzt!!
Womit wir wirklich Glueck haben, ist das Wetter hier und wir hatten noch nicht einen Regentag, seitdem wir da sind. Derzeit geniessen wir traumhaften Sonnenschein mit um die 20 Grad – einfach perfekt.
Was fuer uns Anlass zur Freude ist, ist fuer Viktoria eher schlecht, da es schon seid Jahren keinen richtigen Regen mehr gab und die Wasserreserven immer geringer werden. Deswegen leben wir auch mit Wassersparmassnahmen, wie kurzes Duschen, den Wasserhahn beim Zaehneputzen zu machen, kein Rasen sprenkeln, kein Autowaschen, und und und.
Fuer knapp eine Woche waren wir ein wenig kraenklich, weil die Aussies einfach nicht gelernt haben, wie man ordentliche Heizungen baut. So haben wir nur einen kleinen Elektroheizer im Zimmerchen und sobald wir unsere heiligen vier Waende nachts verlassen, ist es eisig. Dazu zieht es noch an allen Ecken und Enden - ein echtes Problem, wenn man immer raus aufs Etagen-Klo muss. Aber trotz kratzender Haelse und rennender Nasen haben wir uns nicht unterkriegen lassen und freuen uns auf den Fruehling, der mit immer groesseren Schritten Einzug haelt.
Wie Ihr lesen konntet, sind wir (inzwischen wieder) gesund und munter und geniessen unseren Zwischenstopp in Melbourne sehr. Auch wenn wir ein paar Dinge aus Deutschland vermissen und natuerlich Vergleiche anstellen, finden wir Australien immer noch toll, toll, toll und koennen es gar nicht abwarten, bis es am 20.Oktober nach Tasmanien weiter geht.
Zwischendrin werden wir uns natuerlich noch mal melden, um Euch von unseren kleinen und grossen Erlebnissen in Melbourne zu berichten und auf dem Laufenden zu halten.
Bis dahin, ein sonniges „see you" von Anja und Tim

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