Australien Einwanderer - Zavi und die letzte Generation Einwanderer
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Zavi und die letzte Generation Einwanderer

Ich traf Zavi (34) auf einer Birnenfarm im Yarra Valley in der Naehe von Melbourne. Zavi kommt urspruenglich aus Kambodscha und wie die meisten seiner Landsleute ist auch er etwas kleiner als der Durchschnittsaustralier. Dafuer verfuegt Zavi ueber sehr breite und kraeftige Haende, die wahrscheinlich durch jahrelanges Fruit Picking geformt wurden. Was mir an Zavi sofort auffiel, war sein gewinnendes Laecheln. Trotz seiner zwei silbernen Zahnkronen, die etwas schief aus dem Mund ragten, sieht man selten ein so zuversichtliches und offenherziges Laecheln wie Zavi es mir an diesem Tag schenkte. Dadurch animiert sprach ich mit Zavi ueber ihn, seine Familie, seine Arbeit und seine Zukunftsplaen in dem Land seiner Traeume – Australien!

Zavi kam 1995 im Alter von 23 Jahren nach Australien. Genauso wie hunderttausende anderer Asiaten, die seit 1975, dem endgueltigen Ende der diskriminierenden “White-Australia-Policy”, in das Land kamen, hoffte auch er auf ein besseres Leben als in seiner von Korruption und Buergerkrieg gebeutelten Heimat Kambodscha. Schon kurz nach seiner Ankunft lernte Zavi seine zukuenftige Ehefrau, ebenfalls eine Kambodschanerin, kennen. Ohne lange zu fackeln hielt er bereits zwei Tage nach ihrer ersten Begegnung um ihre Hand an – mit Erfolg! Die beiden heirateten und bezogen ein kleines Haus in einem Melbourner Vorort.

Damit began der anstrengende Teil ihrer Beziehung. Zavis Frau wollte unbedingt eine grosse Familie haben mit moeglichst vielen Soehnen. Doch alle Kinder, die sie nach der Eheschliessung zur Welt brachte, waren Maedchen. Dafuer gab sie Zavi die Schuld, der nur entschuldigend die Haende heben konnte. Er koenne nichts dafuer, erklaerte er seiner Frau. Er koenne das leider nicht beeinflussen. Das Eheklima verschlechterte sich zusehends. Doch die beiden probierten es weiter. Schliesslich, nach fuenf Toechtern, gebar Zavis Frau ihren ersten Sohn. Kurze Zeit spaeter folgte der zweite Sohn. Vielleicht waeren es sogar noch mehr Kinder geworden, wenn Zavi sich diesmal nicht durchgesetzt haette. Jetzt ist genug, sagte er entschieden zu seiner Frau, und dabei blieb es dann auch.

Sieben Kinder zu ernaehren und zu versorgen ist mit Sicherheit fuer jedes Ehepaar auf der Welt ein nervenaufreibender Full-Time-Job. Bei Zavi und seiner Frau kommt noch hinzu, dass sie keine Festanstellung haben sondern nur ueber eine Arbeitsvermittlung verschiedene Fruit Picking Jobs zugewiesen bekommen. Zavis Frau muss zum Beispiel oft Erdbeeren pfluecken. Erdbeeren sind zwar vom Gewicht her leichte Fruechte, aber da man sich dabei staendig buecken muesse, auesserst schwer zu pfluecken, erlaeutert mir Zavi. Seine Frau klage daher nach einem anstrengenden Arbeitstag oft ueber Rueckenschmerzen. Zum Glueck muesse sie nur hoechstens zwei Tage die Woche arbeiten. Mehr ist nicht moeglich, da der Staat ihr ansonsten die Zuschuesse fuer die Kinder kuerzen wuerde.

Zavi hingegen arbeitet manchmal bis zu sechs Tage die Woche. Er hat schon so ziemlich alles gepflueckt, was im Sueden Victorias waechst. Am liebsten erntet er allerdings Weintrauben, wie er mir eingesteht. Diese seien relativ einfach zu pfluecken, da sie auf Augenhoehe wachsen. Ausserdem koenne man bei der Arbeit gut mit demjenigen plaudern, der auf der anderen Seite der Weinrebe steht. Hat man einmal einen schlechten Tag erwischt, so kann derjenige gegenueber einem helfen. Gleiches gilt, wenn der gegenueber einmal einen schlechten Tag hat. Beides ist Zavi wichtig: Sowohl das Einander-Helfen als auch das Miteinander-Sprechen waehrend der Arbeit. Gerade durch letzteres hofft Zavi sein Englisch weiter zu verbessern, das im Uebrigen trotz starken Akzentes bereits jetzt schon erstaunlich gut ist.

Seine spaerliche Freizeit verbringt Zavi am liebsten mit seiner Familie. Stolz erzaehlt er mir von dem grossen Van, den er sich am vergangenen Sonntag gemietet habe. Der Van verfuegte ueber ein integriertes Kuehlfach so dass sie ihr eigenes Essen mitnehmen konnten, plus einem Gefrierfach, das es ihm erlaubte, Eis fuer alle sieben Kinder einzulagern. Die gesamte Grossfamilie im Auto fuhr Zavi sie nach St. Kilda, wo sie einen schoenen Tag am Strand verbrachten, und im Anschluss daran noch ins Kino. Man merkt richtig wie Zavis Augen strahlen, wenn er von diesem Familienausflug berichtet. Solche Erlebnisse sind es, die ihn jeden Tag puenktlich zur Arbeit erscheinen lassen. Solche Erlebnisse sind es auch, die ihn selbst in schlechten Zeiten wieder aufbauen und ihm Mut fuer die Zukunft geben.

Ueberhaupt “Zukunft”! Was verspricht sich Zavi ueberhaupt von seiner eigenen Zukunft in diesem Land? Zavi runzelt die Stirn und denkt kurz nach. Schliesslich berichtet er mir von einem Freund, der vor nicht allzu langer Zeit bei genau derselben Taetigkeit, die er gerade ausuebt, dem Birnenpfluecken, von der Leiter gefallen sei. Beim Gedanken daran schuettelt Zavi mitleidig den Kopf. Sein Schluesselbein habe der Freund sich dabei gebrochen. Dennoch habe er Glueck im Unglueck gehabt. Der Freund sei naemlich “full-time” angestellt gewesen, weswegen sein Arbeitgeber fuer die anschliessenden Krankenhauskosten aufgekommen sein. Zavi hingegen ist nur als “casual worker” angestellt. Passiert ihm etwas waehrend der Arbeitszeit, so hat er nicht nur den damit verbundenen Verdienstausfall zu bewaeltigen sondern muss auch alle mit dem Unfall verbundenen Arztkosten selber tragen. Eine beaengstigende Vorstellung, wie Zavi unumwunden zugibt. Zavis Ziel ist es daher, eine der wenigen full-time-Stellen in der australischen Landwirtschaft zu bekommen. Er erhofft sich davobn etwas mehr Sicherheit und vielleicht auch etwas mehr Wohlstand fuer sich und seine Familie.

Allem Anschein nach ist Zavi auf dem richtigen Weg dahin. Die Dicksons, denen Zavi an diesem Tag bei der Birnenernte hilft, kennen ihn bereits von frueheren Erntejobs. Sie schaetzen seine Zuverlaessigkeit, seine Kollegialitaet und seinen Arbeitseifer. Sie vertrauen ihm sogar soweit, dass er an diesem Tag zum ersten Mal die so genannte “machine” bedienen darf, eine Art fahrbarer Kran, mit dem man die Spitzen der Birnenbaeume erreicht. Die “machine” durfte vor Zavi noch kein anderer Gastarbeiter benutzen. Vielleicht ist dies ja ein gutes Zeichen. Vielleicht deuten auch die gemeinsamen Pausen, welche die Dicksons gerne gemeinsam mit Zavi verbringen, darauf hin, dass er seinem Ziel, einer Vollzeitstelle, naeher kommt.

Am selben Abend verabschiede ich mich von Zavi und gehe im Nachbarort schwimmen. Im Schwimmbad wimmelt es nur so von weissen australischen Jugendlichen, die in kleinen Schwimmklassen ihrem Idol Ian Thorpe nacheifern. Dunkelhaeutige Menschen wie Zavi und seine Kinder sucht man hier vergeblich. Weiss das weisse Australien ueberhaupt, dass es sie gibt? Dass es da draussen Leute wie Zavi gibt, die sich jeden Tag abmuehen und damit die australische Landwirtschaft am Leben erhalten? Das weisse Australien sollte es wissen. Es sollte seine letzte Generation Einwanderer nicht vergessen. Denn es sind hartarbeitende Menschen wie Zavi, die das Rueckgrat der australischen Wohlstandsgesellschaft bilden.

Florian Kuhlmey