Melbourne und die Commonwealth Games
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Melbourne und die Commonwealth Games

Eine Stadt steht Kopf

Es gibt zwei Witze, die man ueber Melbourne erzaehlt. Erstens, aufgrund des wechselnden Wetters sei Melbourne die Stadt, in der man alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben koenne. Und zweitens, da der Melbourner Fluss Yarra so verschmutzt ist, muesse er wohl seine Oberseite nach unten gedreht haben ("...turned upside down"). Von beidem, dem unbestaendigen Wetter und dem dreckigen Fluss, koennen sich zur Zeit die Athleten der 71 Laender ueberzeugen, die sich selbst zum Commonwealth of Nations zaehlen. Sie sind damit Teil der 18. Commonwealth Games, welche in diesen Tagen in Melbourne ausgetragen werden.

Fuer Aussenstehende mag die Vorstellung recht merkwuerdig erscheinen, dass sich alle ehemaligen Kolonien des britischen Weltreiches auch soviele Jahre nach dem Ende des Empires noch zusammenfinden, um sich im sportlichen Wettkampf miteinander zu messen, und dass selbst die Queen den weiten Weg aus Grossbritannien auf sich nimmt, um die Spiele zu eroeffnen. Die Australier hingegen scheinen in diesem Fall kein Problem mit ihrer kolonialen Vergangenheit zu haben. Im Gegenteil! Sie begruessen die Commonwealth Games als ein sportliches Grossereignis, das den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2000 gleichgesetzt wird.

Besonders stark ist die australische Euphorie ueber die "Games", wie die Commonwealth Games nur noch kurz genannt werden, natuerlich in Melbourne selbst zu spueren. Kein Radio- oder Fernsehsender mehr, bei dem nicht etwa jedes fuenfte Wort "Commonwealth Games" lautet, kein Schaufenster mehr, in dem nicht mindestens in einer Ecke das Tuerkis der offiziellen Commonwealth Games Flagge zu sehen ist, und kein Passant mehr, der einen auf der Strasse nicht fragt: "Are you here for the Games?" Antwortet man dann: "Nein! Die Spiele interessieren mich eigentlich gar nicht und ich verlasse die Stadt auch vorher." erntet man nur unglaeubige bis schockierte Blicke. Dabei ist doch die Flucht aus der Stadt das einzige, was man bei den enorm gestiegenen Uebernachtungspreisen noch tun kann. Um ein Beispiel zu nennen: Ein unpowered site auf dem bei Backpackern aeusserst beliebten Caravan Park im Melbourner Vorort Coburg kostet waehrend der Commonwealth Games statt 28 Dollar 55 Dollar, ohne dass damit mehr Leistungen verbunden waeren. Es sind halt einfach die Games!

Aber wie kommt es dann, dass trotzdem soviele Australier nach Melbourne kommen und die ganze Stadt in einen wahren Freudentaumel ueber die Commonwealth Games geraet? Die Antwort darauf ist so einfach wie simpel. Die Australier lieben Sport und sie lieben es, im Mittelpunkt der Weltoeffentlichkeit zu stehen. Fuer ein Land, das jahrhundertelang nur als das andere Ende der Welt oder kurz als "Down Under" bezeichnet wurde, ist jedwede internationale Beachtung, die es erfaehrt, ein wahrer Segen. Speziell bei den Commonwealth Games kommt noch eine einfache Rechnung der Australier hinzu. Da anders als bei den Olympischen Spielen die uebrigen grossen Sportnationen wie die USA, China, Russland und andere nicht teilnehmen, koennen die australischen Sportler fast jeden Wettkampf fuer sich entscheiden. Somit wird wohl auch das Melbourner Wetter in den naechsten zwei Wochen etwas bestaendiger sein. Ein wahrer Goldregen wird erwartet!

Florian Kuhlmey

© Australien Reisebericht Last Modified: